Es gibt Ecken im Garten, die ich wahrscheinlich noch schnell in Ordnung bringen würde, wenn sich Besuch ankündigt. Unter der Hecke liegt Laub, hinter einem Strauch haben sich ein paar Äste gesammelt, die Stauden sind verblüht und einige Gräser stehen schief. Irgendwo wartet noch ein Haufen Zweige darauf, endlich weggeräumt zu werden. Ein gepflegter Garten sieht anders aus. Zumindest haben wir gelernt, ihn so zu sehen.

Denn während wir im Herbst anfangen, Beete abzuräumen, Pflanzen zurückzuschneiden und alles für den Winter ordentlich zu machen, geschieht draußen etwas ganz anderes. Blätter fallen zu Boden und bleiben dort. Pflanzen trocknen ein. Samenstände bleiben stehen. Zweige brechen ab. Holz beginnt langsam zu zerfallen. Zwischen all diesen Dingen entstehen kleine Hohlräume, geschützte Stellen und neue Nahrungsquellen.

Was für uns nach dem Ende einer Gartensaison aussieht, ist für viele Tiere der Beginn einer entscheidenden Zeit. Der Herbst räumt nicht auf.

Vielleicht ist Unordnung nur eine Frage der Perspektive

Ein gefallenes Blatt kann Gartenabfall sein. Es kann aber auch den Boden bedecken, Feuchtigkeit halten und langsam zu Humus werden. Unter einer Laubschicht leben Insekten, Würmer, Spinnen und viele weitere kleine Tiere. Laub- und Reisighaufen können außerdem Igeln, Amphibien und anderen Tieren geschützte Bereiche bieten. Deshalb ist es sinnvoll, Laub nicht überall vollständig zu entfernen, sondern es beispielsweise unter Sträuchern, auf Beeten oder an einer ruhigen Stelle im Garten liegen zu lassen.1

Ähnlich ist es mit den Pflanzen, die im Herbst scheinbar fertig sind. Samenstände können Vögeln noch Nahrung bieten, während trockene Pflanzenstängel für verschiedene Insekten wichtig werden. Manche Arten überwintern darin oder nutzen hohle Stängel zur Fortpflanzung. Was für uns vertrocknet und verbraucht aussieht, kann also noch lange eine Funktion haben.1

Plötzlich verändert sich die Bedeutung dessen, was wir sehen. Der verblühte Stängel ist nicht einfach nur verblüht, der Laubhaufen ist nicht einfach nur liegen geblieben und das alte Stück Holz muss nicht automatisch weg. Vielleicht besteht eine der schwierigsten Übungen in einem naturnahen Garten deshalb gar nicht darin, etwas Neues zu bauen, zu kaufen oder anzulegen. Vielleicht besteht sie darin, etwas auszuhalten, das nicht ganz unseren Vorstellungen von Ordnung entspricht.

Ein Garten muss deshalb nicht verwildern

Das ist mir wichtig: Ein Garten darf Garten bleiben. Ich möchte auf einem Weg gehen können, ohne auf nassem Laub auszurutschen. Kinder sollen spielen können, eine Terrasse darf frei sein und natürlich kann ich Bereiche pflegen, mähen und gestalten. Naturnähe bedeutet nicht, dass ab September nichts mehr angefasst werden darf.

Die interessantere Frage ist deshalb nicht, ob ich meinen Garten noch aufräumen darf. Sie lautet vielmehr: Muss wirklich überall aufgeräumt werden?

Vielleicht reicht unter einer Hecke ein Bereich, in dem das Laub bleiben darf. Vielleicht muss die letzte Ecke der Wiese nicht noch einmal kurz gemäht werden. Einige Stauden können bis zum Frühjahr stehen bleiben und hinter einem Strauch findet sich möglicherweise Platz für ein paar Äste und Reisig. Der Garten wird dadurch nicht automatisch ungepflegt. Er bekommt nur unterschiedliche Räume. Manche davon gestalten wir vor allem für uns, andere teilen wir mit den Tieren, die längst dort leben.

Das wilde Leben kennt unsere Gartenzäune nicht

Natürlich lebt das wilde Leben auch in meinem Garten. Eigentlich werde ich regelmäßig daran erinnert, meistens zu Uhrzeiten, zu denen ich nicht unbedingt damit rechne. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich höre, wie ein Dachs lautstark durch das Laub schiebt. Ein Fuchs steht gelegentlich nachts direkt vor meinem Fenster und scheint sich zwischen ein und zwei Uhr morgens ziemlich ausführlich darüber zu beschweren, dass ich meine Holzbearbeitungswerkzeuge draußen habe stehen lassen. Und wenn gegen vier oder fünf Uhr morgens die Siebenschläfer ihr Pfeifkonzert beginnen, ist an Schlaf manchmal ohnehin nicht mehr zu denken.

Vieles davon würde ich ohne eine Wildkamera vermutlich gar nicht mitbekommen. Sie hat neben Dachs und Fuchs auch Marder, Mäuse und weitere nächtliche Besucher aufgenommen. Dazu leben meine Hühner und Enten im Garten, was wahrscheinlich ein zusätzlicher Grund dafür ist, dass nachts einiges unterwegs ist. Mit einem entsprechend sicheren Hühner- und Entenverschlag war das bisher aber kein Problem.

Für mich sind diese Tiere keine Störung. Im Gegenteil. Sie bereichern diesen Ort. Wenn ich nachts von lautem Schnaufen, Rascheln oder einem ungewöhnlichen Geräusch geweckt werde und für einen kurzen Moment einen Dachs oder Fuchs sehe, freue ich mich darüber. Es ist ein kleiner Einblick in eine Welt, die auch dann weitergeht, wenn wir längst im Bett liegen.

Und genau das verändert meinen Blick auf den Garten. Er gehört nicht nur mir. Ich nutze ihn anders als ein Dachs, ein Fuchs, ein Siebenschläfer oder eine Maus, aber wir teilen denselben Raum. Tagsüber wirkt ein Garten vielleicht ruhig und überschaubar. Nachts kann er Teil eines ganzen Wegenetzes sein. Die Tiere kommen dabei nicht erst, weil ich beschlossen habe, einen tierfreundlichen Garten zu haben. Sie sind ohnehin unterwegs. Sie suchen Nahrung, Deckung, Ruheplätze oder den Weg zum nächsten geeigneten Ort. Ob mir das bewusst ist oder nicht, mein Grundstück liegt mitten in dieser Landschaft.

Damit verschiebt sich für mich auch die Frage. Es geht gar nicht zuerst darum, wie ich möglichst viele Tiere in meinen Garten locken kann. Viel interessanter ist: Wie leicht oder schwer mache ich es den Tieren, die ohnehin hier unterwegs sind?

Ein Vogel kann über einen Zaun hinwegfliegen. Ein Fuchs oder Dachs findet häufig seinen Weg. Für kleinere bodengebundene Tiere können Mauern und vollständig geschlossene Zäune dagegen echte Hindernisse sein. Gerade beim Igel wird das besonders sichtbar. Er bewegt sich auf der Suche nach Nahrung, Deckung und geeigneten Ruheplätzen durch mehrere Gärten. Aus unserer Sicht liegen zwischen diesen Gärten Grundstücksgrenzen. Aus seiner Sicht liegen dort Wege – oder eben Barrieren.

Damit bekommt ein kleines Loch im Gartenzaun plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Für uns sind es nur wenige Zentimeter. Für einen Igel können sie darüber entscheiden, ob der nächste Garten überhaupt erreichbar ist. Die Gemeinde Gilching empfiehlt für igelfreundliche Gartengrenzen Durchgänge von etwa 13 × 13 Zentimetern oder entsprechend viel Bodenabstand.2

Ein Tier lebt nicht auf einem Flurstück. Es lebt in einer Landschaft. Und unsere Gärten sind Teile davon.

Wenn aus einem Gartenzaun ein Weg wird

Genau an diesem Punkt setzt eine Aktion hier aus meiner Region an. In Gilching haben sich die Gemeinde, die Kreisgruppe Starnberg des BUND Naturschutz, die Tierpiraten und die Offene Werkstatt Gilching für das Projekt Igeltore für Gilching zusammengeschlossen. Interessierte Gartenbesitzer können dort ein solches Igeltor bekommen, auf Wunsch wird es sogar eingebaut. Kinder gestalten die Tore und beschäftigen sich dabei mit dem Igel, seinem Lebensraum und der Frage, was Tiere in unseren Siedlungen eigentlich brauchen.3

Gerade diese Einfachheit gefällt mir. Niemand muss dafür seinen gesamten Garten umgestalten. Es braucht zunächst nur die Bereitschaft, die eigene Grundstücksgrenze einmal nicht ausschließlich mit menschlichen Augen zu betrachten. Ein Zaun kann für uns Schutz und Abgrenzung bedeuten – und für ein Tier gleichzeitig eine Sackgasse sein.

Mit dabei ist Sonja Gaja vom BUND Naturschutz, die die Umweltbildungsarbeit der Kreisgruppe Starnberg koordiniert. Gemeinsam mit den Tierpiraten und weiteren Beteiligten wird aus einer abstrakten Idee etwas sehr Konkretes: Ein kleiner Durchgang macht sichtbar, dass Naturschutz im Siedlungsraum nicht unbedingt mit einer großen Fläche beginnen muss. Manchmal beginnt er damit, einen vorhandenen Weg nicht zu versperren.4

Natürlich reicht ein Igeltor allein nicht aus. Dahinter sollte auch etwas liegen, das einem Tier hilft: Nahrung, Deckung, eine Hecke, etwas höheres Gras, Laub, Reisig oder eine ruhige Gartenecke. Aber genau deshalb passt die Idee so gut zu einem naturnahen Garten. Es geht nicht um eine einzelne Maßnahme, sondern um ein Zusammenspiel.

Ein Tier braucht einen Ort, an dem es bleiben kann. Aber genauso braucht es einen Weg dorthin.

Was kann ich selbst tun?

Vielleicht hilft bei all diesen Ideen ein anderer Blick auf das, was im Herbst ohnehin anfällt. Laub, Äste, Rasenschnitt oder abgeschnittene Pflanzenreste müssen nicht automatisch gesammelt, in Säcke gepackt, zum Wertstoffhof gebracht oder von einer Firma abgeholt werden. Ein Teil davon kann genau dort bleiben, wo er entstanden ist – nur etwas anders angeordnet. Das kann Tieren helfen und gleichzeitig Arbeit, Transporte und Entsorgung sparen.

Aus Ästen und Zweigen lässt sich beispielsweise in einer ruhigen Gartenecke ein lockerer Reisighaufen aufschichten. Laub kann dazwischen und darüber verteilt werden. Trockene Pflanzenstängel und geeignete Pflanzenreste schaffen zusätzliche Hohlräume. So entsteht aus etwas, das vorher als Gartenabfall betrachtet wurde, ein geschützter Bereich für Tiere. Das Interessante daran ist: Ich muss dafür nicht unbedingt etwas Neues kaufen oder aufwendig bauen. Ich verwende Material, das im Garten sowieso vorhanden ist.1

Beim Laub ist es ähnlich. Natürlich kann ich Wege freihalten und dort zusammenrechen, wo es stört. Aber statt alles abzutransportieren, kann ich einen Teil unter Hecken, Sträuchern oder in einer ruhigen Gartenecke verteilen. Dort schützt es den Boden und schafft Rückzugsmöglichkeiten für viele kleine Tiere. Auch verblühte Stauden und Samenstände müssen nicht sofort abgeschnitten werden. Manche können einfach bis zum Frühjahr stehen bleiben. Damit spare ich mir nicht nur einen Teil der Herbstarbeit, sondern lasse gleichzeitig Nahrung, Schutz und Überwinterungsstrukturen erhalten.1

Auch Rasenschnitt muss nicht grundsätzlich verschwinden. Dünn verteilt kann er an geeigneten Stellen verrotten oder kompostiert werden. Größere Mengen sollten dagegen nicht einfach als dicker, feuchter Haufen liegen bleiben, weil sie sich stark verdichten und faulen können. Zusammen mit trockenerem Material oder auf einem gut aufgebauten Kompost bekommt aber auch dieser vermeintliche Abfall eine neue Funktion.

So wird aus der Frage Was muss ich noch alles wegräumen? eine andere: Was davon darf eigentlich hierbleiben? Vielleicht ist das einer der angenehmsten Gedanken am naturnahen Herbstgarten. Nicht jede Maßnahme bedeutet zusätzliche Arbeit. Manchmal bedeutet Naturschutz sogar, weniger zu tun: ein paar Äste nicht abfahren, einen Laubhaufen nicht beseitigen, eine Ecke nicht noch einmal mähen oder einige Pflanzen nicht zurückschneiden. Und plötzlich wird aus Gartenabfall Baumaterial für einen Lebensraum.

Wichtig ist nur, nicht alles unterschiedslos liegen zu lassen. Kranke Pflanzenteile oder problematische invasive Pflanzen gehören weiterhin sachgerecht behandelt beziehungsweise entsorgt. Aber vieles von dem, was jedes Jahr routinemäßig aus dem Garten geschafft wird, kann direkt vor Ort noch sehr wertvoll sein.

Auch Gartengrenzen lassen sich einmal mit den Augen eines Tieres betrachten. Ist der Zaun bis zum Boden geschlossen oder gibt es irgendwo eine sichere Öffnung? Kann ein Igel hinein und wieder hinaus? Und bevor unter Hecken geschnitten, gemäht oder Laub umgesetzt wird, lohnt sich ein genauer Blick. Gerade dort können Tiere verborgen sitzen. Auch Gartengeräte und Mähroboter sollten so eingesetzt werden, dass nachtaktive Tiere möglichst nicht gefährdet werden.2

Vielleicht passt davon nur ein einziger Punkt zum eigenen Garten. Das reicht als Anfang. Naturnähe muss nicht bedeuten, mehr Arbeit in den Garten zu stecken. Manchmal bedeutet sie, sich Arbeit zu sparen – und genau dadurch anderen Lebewesen mehr Raum zu geben.

Aber mein Garten ist doch viel zu klein

Dieser Gedanke liegt nahe. Was soll eine kleine Ecke schon bewirken? Vielleicht mehr, als wir zunächst denken, denn ein Garten muss nicht alles bieten. In einem Garten findet ein Tier vielleicht Nahrung, im nächsten steht eine dichte Hecke. Zwei Grundstücke weiter gibt es einen Laubhaufen und im vierten Garten kommt es unter dem Zaun hindurch. Keiner dieser Gärten wäre für sich allein ein vollständiger Lebensraum. Zusammen können sie aber Teil einer größeren Landschaft werden.

Das ist für mich eine der schönsten Ideen hinter den Igeltoren: Nicht jeder Einzelne muss den perfekten Naturgarten besitzen. Viele kleine Gärten können gemeinsam etwas Größeres bilden. Dann ist auch ein sehr kleiner Garten nicht bedeutungslos.

Vielleicht lautet die bessere Frage deshalb nicht: Was kann ich auf meinen wenigen Quadratmetern alles schaffen? Sondern: Welchen kleinen Teil kann mein Garten zu einem größeren Netz beitragen?

Vielleicht sollten wir im Herbst anders hinsehen

Im Frühling fällt uns das leicht. Eine Knospe öffnet sich und wir erkennen sofort das Neue darin. Im Sommer freuen wir uns über Blüten, Schmetterlinge und summende Insekten. Im Herbst verändert sich unser Blick. Braunes Laub erscheint verbraucht, eine vertrocknete Pflanze wirkt tot und ein Ast auf dem Boden sieht aus wie etwas, das beseitigt werden sollte.

Dabei verschwindet die Natur nicht. Sie verändert nur ihre Form. Das Leben zieht sich zurück, versteckt sich unter Laub, zwischen Ästen, in Pflanzenstängeln, unter Rinde, in Hecken und im Boden. Vieles, was wir im Sommer sofort als lebendig erkennen, wird jetzt stiller und unscheinbarer.

Vielleicht ist gerade deshalb der Herbst eine gute Gelegenheit, unseren Garten für einen Moment nicht mit den Augen eines Besuchers zu betrachten, sondern mit denen seiner anderen Bewohner. Dann ist die wilde Ecke hinter der Hecke vielleicht plötzlich gar nicht mehr peinlich. Vielleicht ist sie sogar einer der wertvollsten Bereiche des Gartens.

Der Herbst räumt nicht auf. Und vielleicht müssen wir es auch nicht überall tun.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. BUND Naturschutz in Bayern: Gartenpflege im Herbst. Hinweise zu Laub, Samenständen, Stauden, Reisig und naturnahen Rückzugsräumen im Garten. BUND Naturschutz ↗
  2. Gemeinde Gilching: Igel schützen. Hinweise zu igelfreundlichen Gartengrenzen, Rückzugsorten sowie Gefahren durch Mähroboter und andere Gartengeräte. Gemeinde Gilching ↗
  3. Gilching News: Igeltore für Gilching – Lebensräume für Igel verbinden. Vorstellung der gemeinsamen Aktion von Gemeinde, BUND Naturschutz, Tierpiraten und Offener Werkstatt. Gilching News ↗
  4. BUND Naturschutz Kreisgruppe Starnberg: Sonja Gaja für Umweltbildung im Landkreis Starnberg. Vorstellung der Umweltbildungsarbeit und ihres Ansatzes, Natur- und Nachhaltigkeitsthemen an unterschiedliche Lernorte zu bringen. BUND Naturschutz Starnberg ↗