Ein paar Kinder, ein Stück Wiese, vielleicht ein Seil, ein Ball oder überhaupt kein Material. Eine Aufgabe wird erklärt, jemand ruft „Los!“ und wenige Sekunden später wird gerannt, gerufen, verhandelt und gelacht. Von außen betrachtet ist es einfach ein Spiel. Doch innerhalb dieser wenigen Minuten geschieht erstaunlich viel: Ein Kind muss warten, obwohl es am liebsten sofort loslaufen würde. Ein anderes merkt, dass die eigene Idee allein nicht funktioniert. Zwei Kinder wollen gleichzeitig bestimmen, jemand wird übersehen, jemand hilft, jemand verliert und manchmal entdeckt gerade das Kind, das im Gespräch kaum auffällt, plötzlich eine Aufgabe, die es besonders gut kann.
Gruppenspiele sind deshalb nicht nur Bewegung oder Unterhaltung. Sie können kleine soziale Erfahrungsräume sein, in denen Kinder nicht darüber sprechen, wie Zusammenarbeit funktioniert, sondern sie unmittelbar erleben. Bei Bella Wildherz sind inzwischen 39 Waldspiele in vier Kategorien veröffentlicht. Die Sammlung ist damit ein guter Anlass, einmal nicht auf ein bestimmtes Spiel zu schauen, sondern auf die größere Frage dahinter: Was geschieht eigentlich zwischen Kindern, wenn sie miteinander spielen und warum kann genau darin soziales Lernen liegen?
Eine Gruppe ist noch keine Kooperation
Kinder lernen soziale Fähigkeiten nicht automatisch dadurch, dass man sie gemeinsam auf eine Wiese stellt. Vier Kinder können nebeneinander spielen, gegeneinander spielen, einander aus dem Weg gehen oder tatsächlich miteinander handeln. Pädagogisch sind das sehr unterschiedliche Situationen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, dass mehrere Kinder beteiligt sind, sondern wie das Spiel ihre Beziehungen zueinander strukturiert.
In der Forschung spielt dabei der Begriff der sozialen Interdependenz eine wichtige Rolle. Vereinfacht beschreibt er die Frage, wie stark mein eigenes Handeln mit dem Handeln anderer verbunden ist. Wenn mein Erfolg auch davon abhängt, was andere beitragen, entsteht eine andere Situation als dann, wenn nur einer gewinnen kann. Genau darauf weist die Social Interdependence Theory von David W. Johnson und Roger T. Johnson hin: Die Art, wie Ziele miteinander verknüpft sind, beeinflusst, ob Menschen eher kooperieren, konkurrieren oder unabhängig voneinander handeln.1
Für ein Gruppenspiel macht das einen großen Unterschied. Bei der Aufgabe „Wer erreicht zuerst den Baum?“ braucht ein Kind die anderen im Grunde nicht. Bei der Aufgabe „Wie schaffen wir es, dass die ganze Gruppe den Baum erreicht, ohne den Boden außerhalb des Weges zu berühren?“ verändert sich die Situation vollständig. Plötzlich muss gesprochen, beobachtet, gewartet und ausprobiert werden. Vielleicht muss der Schnellste langsamer werden, vielleicht entdeckt das leiseste Kind die entscheidende Lösung.
Nicht das Gruppenspiel an sich erzeugt Kooperation, die Spielstruktur schafft die Gelegenheit dazu.
Soziales Lernen passiert selten als Vortrag
Über Rücksichtnahme kann man sprechen, Teamfähigkeit kann man erklären und Regeln für ein gutes Miteinander kann man gemeinsam aufschreiben. Doch soziale Kompetenzen bestehen nicht aus auswendig gelernten Sätzen. Sie zeigen sich erst in Situationen. Kann ich zuhören, obwohl ich selbst schon eine Idee habe? Kann ich akzeptieren, dass jemand einen anderen Weg vorschlägt? Was mache ich, wenn mein Plan scheitert? Merke ich, wenn jemand kaum beteiligt ist? Kann ich helfen, ohne alles an mich zu reißen? Und kann ich nach einem Streit wieder gemeinsam weitermachen?
Genau hier liegt eine besondere Stärke gut konstruierter Gruppenspiele. Sie erzeugen kleine, echte Probleme, deren Lösung nicht auf einem Arbeitsblatt steht. Kinder müssen handeln, reagieren und Entscheidungen treffen. Dabei entstehen soziale Anforderungen nicht künstlich, sondern aus dem Spiel selbst. Wer zu früh losrennt, lässt vielleicht jemanden zurück. Wer niemandem zuhört, übersieht möglicherweise die bessere Idee. Wer alle Aufgaben selbst übernehmen will, merkt irgendwann, dass Zusammenarbeit so nicht funktioniert.
Das bedeutet nicht, dass jedes Spiel automatisch zu sozialem Lernen führt. Ein schlecht angelegtes Gruppenspiel kann ebenso Frust, Ausschluss oder starre Rollen verstärken. Doch dort, wo unterschiedliche Kinder gebraucht werden, Rollen wechseln und ein Scheitern nicht sofort das Ende bedeutet, kann etwas entstehen, das sich kaum belehren lässt: eine eigene Erfahrung darüber, was gemeinsames Handeln bewirken kann.
Was die Forschung dazu zeigt
Besonders umfangreich untersucht ist nicht jede einzelne Form des Gruppenspiels, sondern das Prinzip kooperativ strukturierter Aktivitäten. Eine große Meta-Analyse von Cary Roseth, David Johnson und Roger Johnson wertete 148 unabhängige Studien mit mehr als 17.000 Jugendlichen aus. Verglichen wurden kooperative, wettbewerbliche und individualistische Zielstrukturen. Die Ergebnisse zeigten, dass kooperative Strukturen sowohl mit besseren Lernleistungen als auch mit positiveren Beziehungen zwischen Gleichaltrigen verbunden waren. Zugleich hing die Qualität der Beziehungen mit den Lernleistungen zusammen.2
Das ist pädagogisch deshalb interessant, weil es eine einfache Annahme bestätigt, die im Alltag leicht übersehen wird: Wie wir Aufgaben stellen, verändert die sozialen Erfahrungen innerhalb einer Gruppe. Wenn Kinder einander benötigen, um etwas zu erreichen, begegnen sie sich anders, als wenn ihr Erfolg davon abhängt, dass andere verlieren. Kooperation ist damit nicht nur eine Frage guter Absichten, sondern auch eine Frage der Struktur.
Zehn Minuten Spiel und danach wurde anders geteilt
Besonders anschaulich wird das in einer Studie der Universität Leipzig und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie. 96 Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren spielten dasselbe Spiel unter unterschiedlichen Bedingungen: Einige spielten kooperativ, andere gegeneinander, eine dritte Gruppe allein. Nach insgesamt zehn Minuten Spielzeit untersuchten die Forschenden unter anderem, wie bereitwillig die Kinder mit einem unbekannten anderen Kind teilten.
Die Kinder aus der kooperativen Spielsituation teilten mehr als jene aus der Wettbewerbssituation. Gleichzeitig zeigte die Studie aber auch eine wichtige Grenze: Nicht alle untersuchten sozialen Verhaltensweisen veränderten sich. Bei der Einbeziehung eines dritten Kindes und beim anschließenden freien Spiel fanden die Forschenden keine entsprechenden Unterschiede.3
Ein kurzes Kooperationsspiel macht nicht plötzlich „sozialere Kinder“. Es kann aber einzelne Aspekte sozialen Verhaltens beeinflussen.
Gerade diese Einschränkung macht die Untersuchung interessant. Soziales Lernen ist kein einfacher Schalter, den ein bestimmtes Spiel umlegt. Vielmehr entstehen Erfahrungen, die sich über viele Situationen hinweg wiederholen, verändern und festigen können.
Aus „Ich gegen dich“ wird „Wir gegen die Aufgabe“
Vielleicht lässt sich der besondere Reiz kooperativer Spiele am besten an einer Verschiebung beschreiben: Der Widerstand verschwindet nicht, aber er bekommt eine andere Adresse. Nicht mehr „Ich muss dich besiegen“, sondern „Wir müssen dieses Problem lösen“. Das Seil ist zu kurz, der Gegenstand darf nicht herunterfallen, die Gruppe muss gemeinsam ein Ziel erreichen oder eine Aufgabe funktioniert nur, wenn mehrere Kinder ihre Fähigkeiten miteinander verbinden.
Gerade deshalb müssen kooperative Spiele nicht langweilig oder konfliktfrei sein. Im Gegenteil: Sie können sehr anspruchsvoll sein. Kinder müssen sich einigen, warten, korrigieren, ausprobieren und mit Misserfolg umgehen. Nur ist der andere Mensch nicht automatisch das Hindernis, sondern kann Teil der Lösung werden.
Das heißt allerdings nicht, dass Wettbewerb grundsätzlich vermieden werden sollte. Fangspiele, Wettläufe und kleine Duelle gehören zum kindlichen Spielen und können ebenfalls wertvolle Erfahrungen ermöglichen. Entscheidend ist eher die Mischung. Wenn immer dieselben Kinder gewinnen, dieselben Kinder früh ausscheiden und dieselben Fähigkeiten belohnt werden, verfestigen sich Rollen. Wenn dagegen Kooperation, Rollenwechsel und unterschiedliche Stärken regelmäßig eine Rolle spielen, erweitert sich der soziale Erfahrungsraum einer Gruppe.
Wenn plötzlich andere Stärken zählen
In klassischen Leistungsvergleichen sind bestimmte Fähigkeiten besonders sichtbar: Wer läuft am schnellsten? Wer weiß die richtige Antwort? Wer kann am weitesten werfen? Ein vielseitiges Gruppenspiel kann dagegen Fähigkeiten sichtbar machen, die im Alltag leicht untergehen. Vielleicht kann ein Kind besonders genau beobachten, ein anderes erinnert sich zuverlässig an Regeln, eines bewahrt Ruhe, wenn die Gruppe ungeduldig wird, und ein anderes hat eine ungewöhnliche Idee, auf die sonst niemand gekommen wäre.
Gerade in festen Gruppen kann das bedeutsam sein. Kinder erhalten schnell Rollen: der Schnelle, die Laute, der Schwierige, die Schüchterne, der Gute in Mathe. Solche Zuschreibungen können erstaunlich stabil werden. Ein Spiel kann diese Ordnung für einige Minuten durcheinanderbringen. Das Kind, das sonst selten im Mittelpunkt steht, hat plötzlich die entscheidende Idee. Der besonders sportliche Schüler muss warten, weil jemand anderes die Gruppe koordinieren kann. Ein Kind erlebt vielleicht zum ersten Mal, dass seine Stärke nicht nur für sich selbst wichtig ist, sondern für alle.
Solche kleinen Verschiebungen erscheinen unspektakulär, können aber das Bild verändern, das Kinder voneinander haben. Soziales Lernen bedeutet schließlich nicht nur, Regeln des Zusammenlebens zu kennen, sondern auch andere Menschen neu wahrnehmen zu können.
Kooperation kann Beziehungen verändern
Wie weit dieser Mechanismus reichen kann, zeigen Untersuchungen aus Schulen. In einer randomisierten Studie mit 15 Mittelschulen und 1.460 Schülerinnen und Schülern der siebten Jahrgangsstufe wurden kooperative Lernformen systematisch verstärkt. Dabei ging es nicht um Waldspiele, sondern um strukturierte Zusammenarbeit im Unterricht. Dennoch ist der zugrunde liegende Gedanke vergleichbar: Kinder und Jugendliche arbeiten regelmäßig mit unterschiedlichen Mitschülerinnen und Mitschülern zusammen und sind aufeinander angewiesen.
Die Forschenden fanden weniger emotionale Probleme und eine stärkere soziale Verbundenheit; bei besonders marginalisierten Jugendlichen gingen zudem berichtetes Mobbing, Viktimisierung und Stress zurück.4 Das bedeutet nicht, dass ein Spiel ein Gegenmittel gegen Ausgrenzung oder Mobbing wäre. Dafür sind die Ursachen viel zu komplex. Die Untersuchung legt aber nahe, dass die regelmäßige Erfahrung konstruktiver Kooperation das soziale Klima einer Gruppe mitprägen kann.
Soziales Lernen muss nicht immer ausdrücklich als Sozialtraining angekündigt werden. Es kann in der Art des gemeinsamen Handelns verborgen liegen.
Was ein gutes Gruppenspiel ermöglichen kann
Für die Praxis ist deshalb weniger entscheidend, ob ein Spiel als „Kooperationsspiel“ überschrieben ist. Interessanter ist die Frage, welche Erfahrungen es tatsächlich ermöglicht. Besonders ergiebig sind Spiele, bei denen Kinder einander wirklich brauchen, bei denen nicht zwei Aktive die Aufgabe lösen und der Rest zusieht und bei denen unterschiedliche Fähigkeiten zum Erfolg beitragen können.
Hilfreich ist auch, wenn Kinder eigene Entscheidungen treffen dürfen. Sobald jede Bewegung vollständig vorgegeben ist, bleibt wenig Raum für Aushandlung. Wird dagegen nur das Ziel beschrieben und dürfen die Kinder den Weg dorthin selbst entwickeln, entstehen Gespräche, Ideen und Konflikte fast von selbst. Auch das Scheitern bekommt dann eine andere Bedeutung. Ein misslungener Versuch ist nicht sofort das Ende, sondern liefert Informationen für den nächsten.
Damit entsteht ein für Kinder ungewöhnlich wertvoller Raum: Soziale Folgen sind real, aber nicht endgültig. Man kann sich missverstehen und es noch einmal versuchen. Man kann verlieren und fünf Minuten später eine andere Rolle übernehmen. Eine Idee kann scheitern, ohne dass daraus eine schlechte Note oder eine dauerhafte Bewertung entsteht.
Erwachsene müssen nicht jedes Problem sofort lösen
Gerade bei Gruppenspielen ist die Versuchung groß, schnell einzugreifen. „Lasst ihn auch einmal dran.“ „Jetzt hör doch zu.“ „Ihr müsst zusammenarbeiten.“ Natürlich gibt es Situationen, in denen Erwachsene eingreifen müssen, etwa wenn Kinder gezielt ausgeschlossen, gedemütigt oder gefährdet werden. Doch nicht jeder kleine Konflikt bedeutet, dass das Spiel misslungen ist.
Manchmal liegt gerade darin der Lernmoment. Wenn Kinder selbst herausfinden müssen, wie sie eine Reihenfolge festlegen, wie sie mit zwei gegensätzlichen Ideen umgehen oder wie sie jemanden wieder in die Gruppe einbeziehen, entsteht eine Erfahrung, die sich kaum erklären lässt. Die Aufgabe der Begleitung kann dann darin bestehen, nicht sofort die Lösung zu liefern, sondern eine Frage zu stellen: Was hat gerade nicht funktioniert? Wessen Idee haben wir noch nicht gehört? Wie könnte es gehen, sodass wirklich alle beteiligt sind?
Dann wird aus dem Spiel keine verkleidete Unterrichtsstunde. Es bleibt ein Spiel, nur eines, in dem Kinder etwas über andere und über sich selbst entdecken können.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke des Spielens
Wir sprechen bei Bildung häufig darüber, was Kinder wissen sollen. Beim sozialen Lernen geht es jedoch mindestens ebenso sehr darum, was Kinder miteinander erlebt haben. Dass jemand auf sie gewartet hat. Dass ihre Idee gebraucht wurde. Dass sie einem anderen helfen konnten. Dass ein Streit nicht das Ende einer Gemeinschaft sein muss. Dass jemand, den sie unterschätzt hatten, plötzlich die entscheidende Lösung kannte.
Und vielleicht auch darum, dass man nicht immer der Beste sein muss, damit eine Gruppe einen braucht.
Solche Erfahrungen lassen sich nicht verordnen. Aber wir können Situationen schaffen, in denen sie möglich werden. Ein paar Kinder, ein Stück Wiese, eine Aufgabe, manchmal beginnt soziales Lernen genau dort, wo für die Kinder einfach nur ein Spiel beginnt.
Anlass dieses Beitrags
In Bellas Waldspielesammlung sind inzwischen 39 Spiele in vier veröffentlichten Kategorien verfügbar. Die Sammlung wächst weiter und bietet kostenlose Spielideen für Familien und pädagogische Gruppen draußen. Wer selbst ausprobieren möchte, findet die bisher veröffentlichten Spiele auf der Download-Seite von Bella Wildherz.
Quellen und weiterführende Forschung
- Johnson, D. W. & Johnson, R. T. (2005): New Developments in Social Interdependence Theory. Genetic, Social, and General Psychology Monographs, 131(4), 285–358. Grundlegender Überblick darüber, wie kooperative, kompetitive und individualistische Zielstrukturen Interaktion beeinflussen. PubMed ↗
- Roseth, C. J., Johnson, D. W. & Johnson, R. T. (2008): Promoting Early Adolescents’ Achievement and Peer Relationships. Psychological Bulletin, 134(2), 223–246. Meta-Analyse von 148 Studien zu kooperativen, kompetitiven und individualistischen Zielstrukturen. PubMed ↗
- Toppe, T., Hardecker, S. & Haun, D. B. M. (2019): Playing a cooperative game promotes preschoolers’ sharing with third-parties, but not social inclusion. PLOS ONE, 14(8), e0221092. Experiment mit 96 vier- bis fünfjährigen Kindern. PLOS ONE ↗
- Van Ryzin, M. J. & Roseth, C. J. (2018): Cooperative Learning in Middle School. Journal of Educational Psychology, 110(8), 1192–1201. Cluster-randomisierte Untersuchung mit 15 Schulen und 1.460 Jugendlichen. PubMed ↗
