Als Lehrer für Natur und Technik habe ich mit Schülerinnen und Schülern der achten bis zehnten Klasse regelmäßig den Living Planet Report des WWF betrachtet. Wir haben Zahlen gelesen, Diagramme ausgewertet, Entwicklungen verglichen und darüber gesprochen, welche Auswirkungen menschliches Handeln auf Lebensräume, Artenvielfalt und Ökosysteme hat.

Ich hielt diese Unterrichtseinheiten für wichtig. Und ich halte sie noch immer für wichtig. Trotzdem blieb danach häufig etwas zurück, das sich schwerer greifen ließ als eine Zahl oder ein Diagramm: ein dumpfes Gefühl. Manchmal bemerkte ich es bei den Jugendlichen, manchmal bei mir selbst.

Wir hatten verstanden, dass etwas nicht stimmt. Wir hatten gesehen, wie groß die Veränderungen sind. Wir konnten benennen, welche Entwicklungen problematisch sind und an welchen Stellen menschliches Handeln dafür verantwortlich ist. Aber was macht man mit diesem Wissen?

Wir müssen wissen, was geschieht

Der Living Planet Report ist für mich kein Beispiel dafür, wie man Naturbildung besser nicht machen sollte. Im Gegenteil: Wir brauchen solche Berichte. Sie sind ein Messstein, der uns hilft zu verstehen, welche Folgen unser Handeln hat. Sie machen Entwicklungen sichtbar, die sich durch eine einzelne Beobachtung kaum erkennen ließen, und geben Entscheidungen eine begründete Richtung.

Der Living Planet Index beobachtet langfristig die Entwicklung von Tierpopulationen. Für den Bericht 2024 flossen nach Angaben des WWF rund 35.000 Populationen von etwa 5.500 Wirbeltierarten in die Berechnung ein. Der globale Index zeigt für die erfassten Bestände seit 1970 einen durchschnittlichen Rückgang von 73 Prozent. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass 73 Prozent aller Tiere oder Arten verschwunden wären, sondern beschreibt die durchschnittliche Veränderung der beobachteten Populationsgrößen.1

Ohne solche Daten bliebe vieles eine Frage persönlicher Vorlieben. Ich könnte sagen, dass ich lieber Fahrrad fahre, weil es mir sympathischer ist. Ich könnte mich gegen ein eigenes Auto entscheiden, weil ich Autofahren nicht mag. Ich könnte auf ein eigenes Handy verzichten, weil mir ein Leben ohne permanente digitale Erreichbarkeit angenehmer erscheint.

Das sind für mich aber nicht die entscheidenden Gründe. Ich treffe solche Entscheidungen auch deshalb, weil unser Lebensstil Auswirkungen hat. Er benötigt Energie und Ressourcen und hinterlässt Spuren, die weit über unseren unmittelbaren Alltag hinausreichen. Natürlich verändert meine persönliche Entscheidung nicht allein den Zustand der Erde, und sie macht mich auch nicht zu einem besseren Menschen. Aber Wissen über ökologische Zusammenhänge ermöglicht mir, Entscheidungen nicht nur nach Bequemlichkeit oder gesellschaftlicher Gewohnheit zu treffen. Es gibt mir einen Maßstab, an dem ich mein eigenes Handeln prüfen kann.

Deshalb müssen wir wissen, was geschieht.

Und plötzlich ist alles viel zu groß

Genau darin liegt aber auch ein Problem. Je genauer wir hinschauen, desto größer wird das Bild. Es geht nicht um eine einzelne bedrohte Tierart. Es geht um Lebensräume, Landwirtschaft, Energie, Verkehr, Konsum, Flächenverbrauch, Rohstoffe, Wirtschaftssysteme und politische Entscheidungen. Alles hängt miteinander zusammen.

Der WWF beschreibt die Verschlechterung und den Verlust von Lebensräumen als zentrale Ursache für die Schrumpfung von Tierbeständen und nennt daneben unter anderem Übernutzung, Klimakrise, Umweltverschmutzung und invasive Arten. Die notwendigen Veränderungen reichen entsprechend weit über individuelles Verhalten hinaus und betreffen auch Naturschutz-, Landwirtschafts-, Energie- und Finanzpolitik.1

Und irgendwann steht ein einzelner Mensch vor diesem gewaltigen Bild und denkt: Was soll ich damit anfangen?

Die Menschheit müsste ihren Umgang mit der Natur verändern. Die Menschheit müsste anders wirtschaften, Ressourcen anders nutzen und Lebensräume schützen. Aber ich bin nicht die Menschheit. Ein vierzehnjähriger Schüler ist nicht die Menschheit. Eine Familie ist nicht die Menschheit. Und keiner von uns kann morgens aufstehen und beschließen, heute das weltweite Wirtschaftssystem, den Flächenverbrauch oder den Verlust biologischer Vielfalt zu lösen.

Das Wissen bleibt richtig. Die Schlussfolgerungen bleiben notwendig. Aber die Dimension des Problems kann lähmen. Ich glaube, dass genau hier eine Schwierigkeit liegt, die wir in der Natur- und Umweltbildung ernst nehmen müssen: Wenn wir Menschen immer genauer erklären, was alles verloren geht, müssen wir ihnen auch Wege zeigen, wie sie sich selbst in diesem großen Bild wiederfinden können.

Wie vermitteln wir die Wirklichkeit, ohne Menschen mit ihrer Größe allein zu lassen?

Sonst kann aus Wissen Ohnmacht werden. Und aus Ohnmacht irgendwann Lethargie.

Die Welt ist voller Lösungen

Vielleicht ist mir deshalb ein Film aus dieser Zeit bis heute so deutlich in Erinnerung geblieben: TOMORROW – Die Welt ist voller Lösungen. Der Dokumentarfilm von Cyril Dion und Mélanie Laurent ist inzwischen mehr als zehn Jahre alt, seine Grundidee erscheint mir dennoch bemerkenswert aktuell.

Die beiden machten sich nicht auf den Weg, um ein weiteres Mal ausschließlich zu zeigen, wie groß die ökologischen und gesellschaftlichen Probleme sind. Sie suchten Menschen und Projekte, die bereits etwas verändern. Für den Film reisten sie in zehn Länder und besuchten Initiativen, die ökologische, wirtschaftliche und demokratische Alternativen erproben. Gerade die Summe dieser unterschiedlichen Ansätze zeichnet im Film das Bild einer anderen möglichen Zukunft.2

Das ist für mich der entscheidende Gegenpol. Der Film sagt nicht: Alles wird gut. Und er behauptet auch nicht, ein einzelner Mensch könne mit wenigen richtigen Entscheidungen die Welt retten. Er verändert etwas anderes: die Perspektive auf die eigene Wirksamkeit.

Menschen verändern etwas innerhalb ihrer Möglichkeiten. Der eine bewirtschaftet einen Boden anders. Eine andere entwickelt eine neue Form des Zusammenlebens. Menschen verändern ihre Stadt, ihre Schule, ihre Energieversorgung oder ihre Art zu wirtschaften. Niemand davon löst alles. Aber jeder kann an einer Stelle beginnen.

Für mich bilden der Living Planet Report und Tomorrow deshalb keinen Widerspruch. Ich brauche beide Perspektiven.

Die Daten zeigen uns, warum Veränderung notwendig ist. Beispiele gelebter Veränderung zeigen uns, dass wir Teil davon sein können.

Ohne die erste Perspektive besteht die Gefahr, dass Nachhaltigkeit zu einer Frage persönlicher Vorlieben wird. Ohne die zweite kann aus Erkenntnis Ohnmacht werden. Das eine gibt unserem Handeln eine begründete Richtung, das andere eröffnet Handlungsspielräume.

Ich bin nicht die Menschheit

Vielleicht liegt darin auch eine Antwort auf die Frage, die nach manchen meiner damaligen Unterrichtsstunden zurückblieb. Nein, ich bin nicht die Menschheit. Und ein einzelnes Kind ist es ebenfalls nicht. Aber wir sind Teil von ihr.

Das klingt zunächst nach einem kleinen sprachlichen Unterschied. Für mich verändert dieser Satz jedoch die Perspektive. Wenn ich glaube, die Probleme der Menschheit lösen zu müssen, kann ich fast nur scheitern. Wenn ich dagegen frage, welchen Teil ich innerhalb meiner tatsächlichen Möglichkeiten beitragen kann, entsteht Handlungsspielraum.

Dieser Beitrag kann politisch oder gesellschaftlich sein. Er kann in persönlichen Entscheidungen liegen, in einem Beruf, in einem Projekt oder darin, wie wir anderen Menschen begegnen. Und er kann sehr viel kleiner beginnen.

Meine Antwort ist erstaunlich einfach

Wenn mich heute jemand fragt, welchen Beitrag Eltern, Lehrkräfte oder pädagogische Fachkräfte leisten können, lande ich nicht zuerst bei einer weiteren Liste von Verboten oder Verhaltenstipps. Meine Antwort ist viel einfacher:

Geht mit Kindern hinaus.

Mit den eigenen Kindern, mit einer Kleingruppe oder mit einer Schulklasse. Nicht, um an einem Nachmittag die Biodiversitätskrise zu lösen, und auch nicht, weil jeder Aufenthalt draußen ein messbares Lernziel erfüllen müsste. Geht hinaus, um die Natur, die euch umgibt, überhaupt wieder wahrzunehmen. Das kann ein Wald sein, eine Wiese, ein Bach, ein Park, ein Garten oder ein unscheinbarer Wegrand. Schaut hin, hört zu und lernt nach und nach kennen, wer dort lebt.

Aus Erkennen kann Kennen werden

Natur bleibt erstaunlich anonym, solange wir nur an ihr vorbeigehen. Da fliegt ein Vogel, dort krabbelt ein Käfer, unter einem Stein sitzt irgendein kleines Tier. Sobald wir genauer hinschauen, verändert sich etwas.

Aus dem Vogel wird vielleicht ein Kleiber. Aus dem Tier unter dem Stein eine Kellerassel. Wir entdecken, dass Schneckenhäuser unterschiedlich aussehen, dass ein unscheinbares Insekt eine erstaunliche Lebensweise besitzt oder dass ein Vogel einen Ruf hat, den wir beim nächsten Spaziergang wiedererkennen. Die Natur selbst hat sich dadurch nicht verändert. Aber unsere Beziehung zu ihr hat es.

Aus Erkennen kann Kennen werden. Aus Kennen kann Wertschätzung wachsen. Aus Wertschätzung kann Verbundenheit entstehen. Und was uns etwas bedeutet, sind wir eher bereit zu schützen.

Das ist kein Automatismus. Artenkenntnis allein löst keine ökologische Krise. Aber ich halte es für schwierig, Menschen dauerhaft für den Schutz einer Welt zu gewinnen, zu der sie kaum eine Beziehung besitzen. Genau deshalb darf Naturbildung nicht nur vermitteln, was bedroht ist. Sie darf auch zeigen, was da ist.

Naturbildung darf Freude machen

Kinder und Jugendliche sollen erfahren, dass Arten verschwinden, Lebensräume unter Druck stehen und menschliches Handeln Folgen hat. Eine positive Naturbildung bedeutet nicht, diese Wirklichkeit auszublenden. Aber Natur ist mehr als ihre Gefährdung. Sie ist auch Schönheit, Überraschung und Staunen.

Da ist ein Käfer, der Mist unter die Erde bringt. Eine Schnecke mit einem individuell gezeichneten Gehäuse. Ein Vogel, der kopfüber einen Baumstamm hinunterläuft. Eine Spinne, die aus einem selbst erzeugten Faden ein geometrisches Netz baut. Und manchmal steht ein Kind davor und fragt einfach: „Was ist das?“

Vielleicht beginnt Naturbildung genau dort: nicht mit schlechtem Gewissen, sondern mit Interesse. Nicht mit der Forderung, sofort etwas retten zu müssen, sondern mit dem Wunsch, etwas kennenzulernen.

Teil der Lösung

Das entbindet uns nicht von politischen, gesellschaftlichen oder persönlichen Entscheidungen. Wir brauchen die großen Daten, die uns zeigen, was geschieht. Wir brauchen Veränderungen, die weit über das Verhalten einzelner Menschen hinausgehen. Aber ebenso brauchen wir Menschen, denen die Welt, über die wir sprechen, überhaupt etwas bedeutet.

Teil der Lösung zu sein heißt deshalb nicht, allein die Welt verändern zu müssen. Es kann auch bedeuten, innerhalb der eigenen Möglichkeiten Verantwortung zu übernehmen – und anderen die Gelegenheit zu geben, eine Beziehung zu der Natur aufzubauen, deren Zukunft wir so häufig diskutieren.

Für heute reicht ein Spätsommertag

Vielleicht ist heute einfach ein schöner Spätsommertag.

Dann geh hinaus.

Nicht, weil du etwas leisten musst. Nicht, weil du heute noch etwas über Artenvielfalt lernen solltest. Und auch nicht, weil irgendwo eine weitere Aufgabe auf dich wartet. Geh hinaus, weil du dir damit etwas Gutes tun kannst.

Such dir einen Ort, an dem du gerne bist. Setz dich auf eine Bank, geh ein Stück durch den Wald oder bleib einfach irgendwo stehen, wo die Sonne zwischen den Blättern hindurchfällt. Spür die Wärme, hör auf die Geräusche um dich herum und gönn dir eine Weile, in der nichts weiter von dir verlangt wird.

Du musst nichts bestimmen. Du musst nichts dokumentieren. Du musst heute auch nichts retten. Vielleicht entdeckst du trotzdem etwas, das dir vorher nie aufgefallen ist. Vielleicht hörst du einen Vogel, beobachtest ein Insekt oder bemerkst einfach, wie gut es tut, eine Zeit lang draußen zu sein.

Für heute darf es reichen, die Natur zu genießen.

Denn bevor wir darüber sprechen, wie wir Menschen für Natur begeistern können, dürfen wir selbst wieder erfahren, warum sie uns etwas bedeutet.

Quellen und weiterführende Links

  1. WWF Deutschland: Living Planet Report 2024. Der WWF erläutert hier den Living Planet Index, die Entwicklung der beobachteten Wirbeltierpopulationen sowie Ursachen des Biodiversitätsverlustes und notwendige Handlungsfelder. wwf.de/living-planet-report ↗
  2. TOMORROW – Die Welt ist voller Lösungen. Die offizielle Website zum Dokumentarfilm von Cyril Dion und Mélanie Laurent beschreibt die weltweite Suche nach bereits erprobten ökologischen, wirtschaftlichen und demokratischen Lösungsansätzen. tomorrow-derfilm.de ↗