Gestern war es um diese Uhrzeit noch ein wenig heller. Heute liegen die ersten Schatten schon zwischen den Bäumen. Die Sonne verschwindet scheinbar früher hinter den Baumwipfeln, und der Abend beginnt, obwohl wir gerade erst von unserem Tag zurückgekehrt sind. Am vergangenen Sonntag wurden die Uhren zurückgestellt. Eine Stunde geschenkt, sagen manche Menschen. Andere ärgern sich darüber, dass es nun am Nachmittag schon so früh dunkel wird. Aber hat der Wald davon überhaupt etwas bemerkt? Das Reh am Waldrand trägt keine Armbanduhr. Der Fuchs wartet nicht darauf, dass es sechs Uhr wird. Und der Waldkauz lässt sich von keinem Wecker sagen, wann sein Abend beginnt. Die Natur kennt keine Zeitumstellung. Sie folgt dem Licht, den Jahreszeiten und den Veränderungen, die wir manchmal kaum bemerken. Und vielleicht ist gerade jetzt eine besonders schöne Zeit, hinauszugehen. Denn wenn die Tage kürzer werden, verschwinden die Geheimnisse des Waldes nicht. Manche werden sogar erst dann sichtbar.
Die eigene Uhr der Natur
Eigentlich hat sich für die Tiere durch die Zeitumstellung überhaupt nichts verändert. Die Sonne geht nicht plötzlich eine Stunde früher unter. Nur unsere Uhren zeigen eine andere Zeit an. Ganz anders ist es mit dem Herbst selbst. Seit der Sommersonnenwende werden die Tage bei uns allmählich kürzer. Die Nächte werden länger, die Temperaturen sinken und das Nahrungsangebot verändert sich. Viele Tiere orientieren sich an diesen natürlichen Veränderungen. Die Länge des Tages, der Stand der Sonne und die Lichtverhältnisse helfen dabei, ihren Tages- und Jahresrhythmus zu bestimmen.
Rehe beispielsweise sind häufig in der Morgen- und Abenddämmerung unterwegs. Auch Füchse und Dachse nutzen oft die dunkleren Stunden, um nach Nahrung zu suchen. Während wir Menschen nach der Zeitumstellung vielleicht erst wieder lernen müssen, wann es draußen dunkel wird, haben die Tiere ihren gewohnten Rhythmus behalten. Nicht die Natur hat ihre Zeit verändert. Wir haben nur unsere Uhren verstellt.
Wenn die Augen weniger sehen, entdecken die Ohren mehr
Stell dir vor, du gehst mit deiner Familie einen vertrauten Waldweg entlang. Es ist später Nachmittag. Zwischen den Bäumen hängt leichter Nebel, und der Boden ist von feuchtem Laub bedeckt. Noch erkennst du die Farben der Blätter. Gelb, Braun, ein wenig Rot. Doch mit jedem Schritt scheint sich etwas zu verändern. Die Farben verblassen, die Baumstämme werden zu dunklen Formen und die Büsche am Wegrand verschmelzen langsam mit ihren Schatten. Vielleicht bleibst du einmal stehen und bemerkst plötzlich Dinge, die dir vorher gar nicht aufgefallen sind.
Ein einzelner Tropfen fällt von einem Ast auf ein Blatt. Weiter hinten rauscht der Wind durch die Baumwipfel. Irgendwo raschelt es im Laub. War das ein Vogel, ein fallender Zweig oder vielleicht eine Maus, die zwischen den Blättern nach Nahrung sucht? Nicht jedes Rascheln muss gleich ein Tier sein. Aber jedes Geräusch lädt uns dazu ein, genauer hinzuhören. Besonders spannend wird es, wenn wir für einen Moment überhaupt nichts sagen und eine Minute lang einfach nur lauschen. Wie viele verschiedene Geräusche kannst du unterscheiden? Welche kommen aus der Nähe, welche aus der Ferne? Hörst du den Wind überall gleich, oder klingt er in den Baumkronen anders als zwischen den niedrigen Sträuchern?
Manchmal braucht es dafür gar keine Dunkelheit. Schon die ruhige Stimmung eines herbstlichen Nachmittags kann aus einem gewöhnlichen Spaziergang eine kleine Entdeckungsreise machen. Je weniger wir mit unseren Augen erkennen, desto mehr Aufmerksamkeit schenken wir vielleicht den Geräuschen um uns herum. Dabei war vieles davon die ganze Zeit da. Wir haben nur nicht so genau hingehört.
Der geheimnisvolle Ruf des Waldkauzes
Mit etwas Glück lässt sich in dieser Jahreszeit sogar eine ganz besondere Stimme hören. Ein langgezogenes, etwas schwermütiges „Huu-hu-huhuhuhuu“ klingt durch den Wald. Es könnte ein Waldkauz sein. Der Waldkauz gehört zu unseren heimischen Eulen. Er ist besonders in der Dämmerung und nachts unterwegs und besitzt erstaunliche Fähigkeiten, um bei wenig Licht zu jagen. Seine großen Augen können auch schwaches Licht gut nutzen, und sein empfindliches Gehör hilft ihm dabei, Beutetiere wahrzunehmen, die für uns längst im Dunkeln verborgen wären.
Gerade im Herbst sind die Rufe der Waldkäuze häufiger zu hören. Sie dienen unter anderem dazu, ihre Reviere zu markieren. Dabei müssen wir einen Waldkauz überhaupt nicht sehen, um zu wissen, dass er in der Nähe lebt. Seine Stimme genügt. Vielleicht begegnet uns auf unserem Spaziergang kein einziger Kauz, vielleicht hören wir auch nur den Wind. Das ist nicht schlimm, denn die Natur lässt sich nicht auf Bestellung entdecken. Wer aufmerksam lauscht, kann viel erfahren, ohne ein Tier auch nur zu Gesicht zu bekommen.
Der Herbst hat einen eigenen Duft
Nicht nur unsere Ohren entdecken jetzt mehr. Auch unsere Nase kann uns eine ganze Menge über den Wald erzählen. Erinnerst du dich an den Geruch eines Waldes nach einem langen Sommerregen? Im Herbst ist er oft noch einmal anders. Feuchte Erde, nasse Blätter, moosige Baumstämme und manchmal ein kräftiger, erdiger Pilzgeruch vermischen sich zu einem ganz eigenen Waldduft. Überall liegt abgestorbenes Pflanzenmaterial, das nach und nach zersetzt wird. Pilze, Bakterien und zahlreiche kleine Bodenlebewesen sind daran beteiligt, dass aus abgestorbenen Blättern und anderen Pflanzenresten wieder Bestandteile des Waldbodens werden. Was für uns wie ein großer Teppich aus braunen Blättern aussieht, gehört zu einem lebendigen Kreislauf.
Auch die Luft selbst erzählt vom Herbst. Auf einer offenen Wiese spürst du vielleicht den kalten Wind im Gesicht. Wenige Schritte weiter, zwischen dichten Bäumen, ist es windstiller. An manchen Stellen steigt kühle, feuchte Luft aus einer Senke auf. Wie fühlt sich die Luft auf deinen Wangen an? Riecht es am Waldrand genauso wie unter einer dichten Buche? Kannst du den Duft feuchter Blätter von dem frisch aufgewühlter Erde unterscheiden? Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch. Menschen nehmen Gerüche unterschiedlich wahr und finden manchmal ganz verschiedene Worte dafür. Wichtig ist nur, überhaupt aufmerksam zu werden.
Wenn Bäume zu Schattenbildern werden
Auch unsere Augen können in der Dämmerung noch etwas lernen. Denn selbst wenn die Farben langsam verschwinden, bleiben die Umrisse erhalten. Eine alte Eiche streckt ihre knorrigen Äste gegen den Abendhimmel. Die schlanke Silhouette einer Birke hebt sich daneben ab, während ein Nadelbaum eine dunkle, beinahe dreieckige Form bildet. Plötzlich achten wir nicht mehr so sehr auf die kleinen Einzelheiten, sondern auf die Gestalt eines ganzen Baumes. Wie verzweigt sich seine Krone? Wachsen die Äste eher nach oben oder zur Seite? Steht er allein oder dicht zwischen anderen Bäumen?
Eine schöne kleine Herausforderung besteht darin, einen vertrauten Baum allein an seiner Silhouette wiederzuerkennen. Vielleicht gelingt es, vielleicht auch nicht. Aber beim nächsten Spaziergang wirst du ihn wahrscheinlich mit anderen Augen betrachten. Und dann beginnt die eigentliche Überraschung des Herbstes. Denn nicht nur die Dämmerung verändert, was wir entdecken können. Auch der Regen hilft uns dabei.
Der Regen schreibt Geschichten in den Waldboden
An manchen Herbstmorgen ist der Waldweg so weich, dass sich jeder Schritt darin abzeichnet. Wo gestern noch trockene, harte Erde lag, glitzern heute kleine Pfützen. Feuchter Lehm bleibt an den Schuhen hängen, und im Matsch zeichnen sich die Abdrücke der Stiefel deutlich ab. Doch wir Menschen sind nicht die Einzigen, die Spuren hinterlassen. Gerade die nasse Jahreszeit eröffnet uns eine wunderbare Möglichkeit, die heimischen Wildtiere kennenzulernen, ohne ihnen selbst begegnen zu müssen.
Vielleicht entdeckst du am Wegrand zwei schmale, nebeneinanderliegende Abdrücke. Ein Reh könnte hier entlanggelaufen sein. Rehe gehören zu den Paarhufern. Ihre Füße besitzen zwei tragende Schalen, die auf geeignetem Boden einen charakteristischen, häufig vorne zugespitzten Abdruck hinterlassen. Ein Stück weiter erkennst du vielleicht einen kleinen Pfotenabdruck mit vier Zehen. Wenn die Krallen ebenfalls sichtbar sind und mehrere Abdrücke auffällig geradlinig hintereinanderliegen, könnte ein Fuchs unterwegs gewesen sein. Füchse setzen ihre Pfoten beim gleichmäßigen Laufen manchmal so, dass eine beinahe schnurgerade Fährte entsteht. Dieses Bewegungsmuster nennt man auch „Schnüren“.
Und dann gibt es noch ganz andere Hinweise. Ein Stück Waldboden sieht aus, als hätte jemand mit einer kleinen Schaufel darin gegraben. Laub und Erde sind aufgewühlt. Vielleicht hat ein Wildschwein hier nach Nahrung gesucht. Wildschweine wühlen mit ihrer kräftigen Schnauze im Boden und suchen dabei unter anderem nach Wurzeln, Insektenlarven und anderen fressbaren Dingen. Auch Dachse hinterlassen im feuchten Boden auffällige Abdrücke. Ihre Pfoten besitzen fünf Zehen, und oft sind die langen Krallen als zusätzliche kleine Striche zu erkennen.
Allerdings ist die Bestimmung einer Spur nicht immer einfach. Manche Abdrücke sind unvollständig, andere wurden vom Regen verwischt. Ähnliche Spuren können von unterschiedlichen Tieren stammen, und je nach Bodenbeschaffenheit kann sogar derselbe Pfotenabdruck ganz verschieden aussehen. Deshalb ist die interessanteste Frage nicht immer: „Welches Tier war das?“ Manchmal ist es viel spannender, sich zu fragen, was wir aus dieser Spur wirklich herausfinden können.
Eine Spur ist der Anfang einer Geschichte
Ein Abdruck im Matsch erzählt uns zunächst nur, dass hier irgendwann etwas entlanggelaufen ist. Vielleicht wissen wir noch nicht einmal genau, welches Tier es war. Aber schon beginnen die Fragen. Wie groß ist die Spur? Wie viele Zehen lassen sich erkennen? Gibt es weitere Abdrücke? Liegen sie dicht beieinander oder weit auseinander? Vielleicht sehen wir, in welche Richtung das Tier gegangen ist. Vielleicht können wir vermuten, ob es ruhig gelaufen oder schnell gesprungen ist.
Doch eine einzelne Spur verrät selten die ganze Geschichte. Und aus einer Vermutung wird nicht automatisch eine Tatsache. Genau darin liegt eine wunderbare Möglichkeit, gemeinsam Natur zu erforschen. Wir können beobachten, vergleichen, nachlesen und unsere Ideen wieder verändern. Vielleicht entdecken wir bei unserem nächsten Spaziergang einen ähnlichen Abdruck und bemerken plötzlich einen Unterschied, der uns beim ersten Mal entgangen ist. So entsteht aus einer kleinen Beobachtung nach und nach ein immer genaueres Verständnis für die Tiere, die in unserer Umgebung leben.
Dafür müssen wir den Tieren überhaupt nicht hinterherlaufen. Ein Foto des Abdrucks, ein kleiner Größenvergleich mit einem danebenliegenden Gegenstand oder eine Zeichnung im Notizbuch genügen oft schon, um später weiterzuforschen. Die Tiere selbst dürfen dabei ungestört bleiben. Denn der Fuchs braucht seine Ruhe ebenso wie das Reh. Ein Dachs soll seinen Bau ungestört nutzen können, und Wildschweine benötigen ausreichend Rückzugsräume. Wenn wir am Wegrand Spuren entdecken, können wir uns darüber freuen, ohne ihnen bis zu den Verstecken ihrer Verursacher zu folgen. Eine gute Naturentdeckung hinterlässt möglichst wenig Spuren von uns selbst.
Bellas Naturmission: Die Geheimnisse eines Herbstweges
Für diese kleine Forschungsreise brauchst du nicht viel. Einen vertrauten Weg durch einen Park, am Waldrand oder durch ein Stück Wald, wetterfeste Kleidung, ein wenig Zeit und vielleicht jemanden, mit dem du gemeinsam entdecken möchtest. Am schönsten ist es, wenn die Dämmerung langsam beginnt, aber noch genug Tageslicht für einen sicheren Rückweg bleibt. Versuche bei deinem nächsten Spaziergang, fünf kleine Geheimnisse des Herbstes zu entdecken.
Bleibe zunächst für eine Minute stehen, ohne zu sprechen, und lausche den Geräuschen um dich herum. Kannst du drei unterschiedliche Geräusche erkennen? Vielleicht hörst du Blätter, Wind, Vögel oder Regentropfen. Achte anschließend auf die Gerüche. Wie riecht die feuchte Waldluft, und verändert sich der Duft zwischen Wiese, Waldrand und Laubboden? Suche nun einen Baum, dessen Silhouette du gegen den Himmel erkennen kannst. Vielleicht gelingt es dir, anhand seiner Form herauszufinden, um welche Baumart es sich handelt.
Als Nächstes kannst du die Luft auf einer freien Fläche mit der Luft zwischen den Bäumen vergleichen. Wo ist es kühler, feuchter oder windiger? Zum Schluss wirst du zum Spurenleser. Schau auf einen feuchten Weg oder an den Rand einer Pfütze. Findest du einen Pfotenabdruck, eine Hufspur oder einen anderen Hinweis auf ein Tier? Vielleicht möchtest du deine Entdeckung fotografieren oder zeichnen und später herausfinden, wer hier unterwegs gewesen sein könnte.
Du musst nicht alle fünf Aufgaben schaffen. Vielleicht ist heute gar kein Abdruck zu finden. Vielleicht regnet es zu stark, oder du hörst nur den Wind. Auch das gehört zur Naturforschung. Wir können die Natur nicht dazu bringen, uns etwas Bestimmtes zu zeigen. Aber wir können lernen, ihre Veränderungen wahrzunehmen. Bleibt dabei auf den Wegen, haltet Abstand zu Wildtieren und lasst ihre Verstecke unberührt. So könnt ihr entdecken, ohne die Bewohner des Waldes zu stören.
Ein Wald voller Geheimnisse
Vielleicht kommen wir am Ende unseres Spaziergangs mit nassen Schuhen nach Hause. Vielleicht sind unsere Hände kalt, und an unserer Jacke hängen ein paar Regentropfen. Vielleicht haben wir kein einziges Wildtier gesehen. Und trotzdem haben wir eine ganze Menge entdeckt. Wir haben gehört, wie der Wind durch die Bäume zieht, den Duft nasser Blätter wahrgenommen, die Silhouette eines alten Baumes erkannt und möglicherweise einen kleinen Pfotenabdruck im Matsch gefunden.
Mit der Zeitumstellung beginnt für uns Menschen wieder die Zeit der frühen Abende. Für den Wald ist es einfach ein weiterer Tag im Herbst. Aber gerade diese dunkleren, feuchteren Tage laden uns dazu ein, etwas Neues auszuprobieren. Nicht immer weiter zu suchen, bis wir etwas Besonderes sehen, sondern manchmal einfach stehen zu bleiben, zu lauschen, zu riechen, zu fühlen und genauer hinzuschauen. Denn der Wald ist auch dann voller Leben, wenn wir seine Bewohner nicht sehen können.
Manchmal müssen wir weniger sehen, um mehr zu entdecken. Und manchmal reicht eine einzige kleine Spur im nassen Boden, um zu wissen: Wir sind hier draußen nicht allein.
Zum Weiterlesen und Weiterforschen
Deutsche Wildtier Stiftung – Wildtiere kennen keine Zeitumstellung
Warum sich der Lebensrhythmus der Tiere an natürlichen Lichtverhältnissen orientiert.
Deutsche Wildtier Stiftung – Ratgeber Fährten und Spuren (PDF)
Wie sich die Spuren heimischer Wildtiere erkennen und unterscheiden lassen.
NABU – Der Waldkauz (PDF)
Wissenswertes über die Stimme, das Verhalten und die besonderen Sinnesleistungen des Waldkauzes.
Deutsche Wildtier Stiftung – Der Dachs
Lebensweise und Besonderheiten eines überwiegend dämmerungs- und nachtaktiven Waldbewohners.
Bella Wildherz – Natur entdecken, verstehen und schützen.
Weitere Naturgeschichten, Tierwissen und kostenlose Forschermaterialien findest du auf bellawildherz.de.

