In Bildungsdebatten tauchen Begriffe wie Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und lebenslanges Lernen beinahe selbstverständlich auf. Menschen sollen neugierig bleiben, sich neues Wissen erschließen, auf Veränderungen reagieren, eigene Interessen entwickeln und auch nach Schule, Ausbildung oder Studium weiterlernen. Lernen soll nicht mit dem letzten Zeugnis enden, sondern ein Leben lang möglich bleiben.

Darin steckt allerdings ein Widerspruch, über den wir erstaunlich selten sprechen. Wie soll Lernautonomie entstehen, wenn Bildung selbst über viele Jahre vor allem als etwas erlebt wird, dessen Inhalte, Zeitpunkte, Wege und Ergebnisse bereits weitgehend festgelegt sind? Wie soll ein Mensch später selbst entscheiden, was er wissen möchte und wie er sich dieses Wissen erschließt, wenn Lernen zuvor überwiegend innerhalb eines stark geregelten Systems stattgefunden hat?

Die Antwort darauf kann nicht sein, Schule einfach für falsch oder überholt zu erklären. Schule erfüllt eine besondere gesellschaftliche Aufgabe. Sie muss Bildung für sehr viele Menschen gleichzeitig organisieren, Verlässlichkeit schaffen, gemeinsame Grundlagen vermitteln, Leistungen beurteilen und dabei rechtliche, organisatorische und curriculare Vorgaben erfüllen. Gerade deshalb ist sie notwendigerweise stärker geregelt und begrenzt als viele andere Bildungsräume.

Vielleicht liegt das Problem also gar nicht darin, dass Schule nicht alles leisten kann. Vielleicht liegt es darin, dass wir Schule häufig mit Bildung verwechseln.

Schule ist ein Bildungsort – nicht die Bildung selbst

Schule ist gesellschaftlich mit enormer Bedeutung aufgeladen. Wenn über Bildung gesprochen wird, ist meist sehr schnell von Schulen, Lehrplänen, Unterricht und Abschlüssen die Rede. Das ist verständlich, denn nahezu jeder Mensch durchläuft dieses System über viele Jahre. Schule ist der sichtbarste und institutionell stärkste Bildungsakteur unserer Gesellschaft.

Aber sie ist nur einer.

Ein Kind kann Bewegung und Körpererfahrung im Sportunterricht kennenlernen und am Nachmittag im Verein eine Sportart entdecken, die es über Jahre begleitet. Geschichte begegnet ihm im Unterricht und später vielleicht in einem kleinen Museum, in dem jemand mit leuchtenden Augen von einem Gegenstand erzählt, den er seit Jahrzehnten erforscht. Sprache findet im Deutschunterricht statt, aber ebenso in einem Debattierclub, einer Theatergruppe oder beim gemeinsamen Schreiben. Naturwissenschaft kann Teil des Biologieunterrichts sein und zugleich beim Beobachten von Vögeln, beim Kartieren von Amphibien, in einer Jugendgruppe, einem Naturkundemuseum oder einem freien Naturbildungsprojekt entstehen.

Diese Bildungsorte konkurrieren nicht miteinander. Sie müssen sich auch nicht gegenseitig ersetzen. Gerade ihre Verschiedenheit macht sie wertvoll.

Ein Sportverein ist kein besserer Sportunterricht. Ein Museum ist keine bessere Geschichtsstunde. Ein Naturprojekt ist kein Ersatz für Biologieunterricht. Sie ermöglichen schlicht andere Begegnungen mit demselben Ausschnitt der Welt.

Und aus dieser Vielfalt entsteht etwas, das ein einzelnes System kaum vollständig herstellen kann: Auswahl.

Autonomie beginnt dort, wo es tatsächlich etwas zu wählen gibt

Autonomie wird manchmal mit möglichst großer Freiheit verwechselt. Doch Selbstbestimmung entsteht nicht allein dadurch, dass niemand Vorgaben macht. Wer keinerlei Erfahrungen, Wissen, Sprache oder Möglichkeiten besitzt, kann zwar theoretisch frei entscheiden, praktisch aber nur zwischen sehr wenigen bekannten Wegen wählen.

Autonomie braucht deshalb Voraussetzungen. Menschen müssen Dinge kennenlernen, vergleichen, ausprobieren, verwerfen und wieder aufgreifen können. Sie brauchen Erfahrungen, an denen sich Interessen überhaupt erst entwickeln. Ein Kind kann sich nicht für Aikido interessieren, wenn es nie erfahren hat, dass Aikido existiert. Es kann keine Begeisterung für Ornithologie entwickeln, wenn Vögel für es immer nur „Vögel“ geblieben sind. Es kann sich nicht für Theater, Astronomie, Handwerk oder Debatte entscheiden, wenn ihm diese Welten nie begegnet sind.

Deshalb erscheint mir Bildungsdiversität als eine wichtige Voraussetzung für Lernautonomie.

Je unterschiedlicher die Menschen, Orte und Formen sind, an denen Wissen weitergegeben wird, desto größer wird der Erfahrungsraum, aus dem ein Mensch später seinen eigenen Weg entwickeln kann. Schule stellt einen Teil dieses Raumes bereit. Andere Akteure ergänzen ihn.

Autonomie bedeutet dann nicht, dass ein Kind jederzeit alles selbst bestimmen muss. Sie bedeutet vielmehr, dass es im Laufe seines Lebens genügend unterschiedliche Erfahrungen sammeln kann, um zunehmend eigene Entscheidungen treffen zu können.

Bildung geschieht überall dort, wo Menschen etwas weitergeben

Vielleicht unterschätzen wir dabei, wie groß diese Bildungslandschaft längst ist.

Ich denke etwa an meinen früheren Aikidoverein in Bamberg. Dort wurde Wissen und Können nicht deshalb weitergegeben, weil ein Lehrplan es verlangte. Menschen kamen nach ihrer Arbeit zum Training, standen auf der Matte, zeigten Bewegungsabläufe, korrigierten, erklärten, wiederholten und übten gemeinsam. Fortgeschrittene gaben weiter, was andere zuvor einmal ihnen gezeigt hatten. Vieles davon geschah ehrenamtlich, getragen von persönlichem Interesse und der Bereitschaft, Zeit für andere Menschen aufzuwenden.

Natürlich kann man sagen: Das ist ein Sportverein.

Man kann aber ebenso sagen: Das ist ein Bildungsort.

Menschen lernen dort Bewegung, Wahrnehmung, Koordination und Technik. Sie lernen Regeln, Verantwortung, Rücksichtnahme und den Umgang mit dem eigenen Können und Nichtkönnen. Sie erleben Fortschritt nicht in Schulstunden oder Schuljahren, sondern über lange Zeiträume. Manches gelingt nach wenigen Wochen, anderes vielleicht erst nach Jahren. Niemand muss dafür eine Klassenarbeit schreiben.

Solche Orte gibt es überall. Menschen erklären ehrenamtlich historische Maschinen in kleinen Museen, betreuen Jugendgruppen, zeigen anderen die Sterne, pflegen Streuobstwiesen, leiten Chöre, trainieren Kinder im Verein, engagieren sich bei Citizen-Science-Projekten, führen durch Naturschutzgebiete oder öffnen Werkstätten.

Manche sind professionell ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen. Viele sind es nicht. Was sie verbindet, ist häufig etwas anderes: Sie wissen etwas, können etwas oder interessieren sich für etwas so sehr, dass sie bereit sind, es mit anderen zu teilen.

Vielleicht besteht eine lebendige Bildungslandschaft deshalb nicht nur aus Institutionen. Sie besteht vor allem aus Menschen, die etwas weitergeben wollen, das ihnen selbst wichtig geworden ist.

Freude am Lernen ist mehr als ein freundliches Extra

An dieser Stelle bekommt auch die oft etwas beiläufig behandelte „Freude am Lernen“ für mich eine andere Bedeutung.

Sie ist nicht bloß dafür da, dass Unterricht angenehmer wird. Wenn gesellschaftlich lebenslanges Lernen erwartet wird, ist die Frage berechtigt, warum ein Mensch nach Ende seiner formalen Bildung freiwillig weiterlernen sollte. Niemand gibt ihm dann einen Stundenplan. Niemand kündigt eine Klassenarbeit an. Niemand schreibt vor, dass er sich am Dienstagabend mit einem bestimmten Thema beschäftigen muss.

Späteres Lernen lebt viel stärker von Eigeninteresse, persönlichen Fragen und der Erfahrung, dass es befriedigend sein kann, etwas plötzlich besser zu verstehen, zu können oder anders zu sehen.

Deshalb erscheint mir eine Bildungskultur widersprüchlich, die über viele Jahre fast ausschließlich äußere Steuerung erlebt und anschließend Selbststeuerung erwartet. Das bedeutet nicht, dass Lernen immer leicht, spielerisch oder angenehm sein muss. Auch freiwillig gewählte Interessen können anstrengend sein. Wer ein Instrument spielt, eine Sprache lernt, eine Kampfkunst übt oder sich in ein kompliziertes naturwissenschaftliches Thema einarbeitet, erlebt Frustration, Wiederholung und Scheitern.

Der entscheidende Unterschied liegt möglicherweise an anderer Stelle: Ich weiß, warum ich weitermache.

Freude am Lernen bedeutet deshalb nicht Dauerunterhaltung. Sie kann auch die tiefe Befriedigung sein, die entsteht, wenn aus einer eigenen Frage langsam Verständnis wird.

Nicht ein perfekter Bildungsort, sondern viele verschiedene

Vielleicht führt uns die Suche nach Lernautonomie deshalb in eine falsche Richtung, wenn wir versuchen, den einen perfekten Bildungsort zu entwerfen.

Kein einzelner Ort kann allen Menschen gleichzeitig maximale Freiheit, umfassendes Wissen, individuelle Begleitung, soziale Gemeinschaft, systematischen Aufbau, Verlässlichkeit und unbegrenzte Wahlmöglichkeiten bieten.

Vielleicht muss er das auch gar nicht.

Eine Schule kann etwas anderes leisten als ein Sportverein. Ein Museum etwas anderes als eine Bibliothek. Ein Debattierclub etwas anderes als eine Jugendgruppe. Ein freies digitales Naturbildungsprojekt wiederum etwas anderes als alle diese Orte.

Erst zusammen entsteht eine Landschaft.

Bella Wildherz verstehe ich in diesem Sinn nicht als Alternative zum Biologieunterricht. Das Projekt kann einen zusätzlichen Zugang eröffnen: über Geschichten, Tierbeobachtungen, wissenschaftliche Namen, Musik, Naturmissionen oder Materialien. Manche Kinder hören vielleicht nur ein Lied. Andere wollen wissen, welches Tier dahintersteht. Wieder andere gehen hinaus und beginnen selbst zu beobachten.

Es gibt keinen richtigen Weg durch dieses Angebot.

Genau das ist für mich der interessante Punkt. Ich kann Bildungspolitik nicht verändern und muss auch nicht darauf warten, dass ein großes System meinem persönlichen pädagogischen Ideal entspricht. Ich kann lediglich entscheiden, welchen zusätzlichen Bildungsraum ich selbst zur Verfügung stelle und nach welchen Grundsätzen ich ihn gestalte.

Andere Menschen tun dasselbe auf völlig andere Weise.

Ein Trainer öffnet einen Dojo. Eine ehrenamtliche Naturschützerin nimmt Kinder mit zu einer Amphibienwanderung. Ein Museum ermöglicht Begegnungen mit Geschichte. Ein Verein stellt Instrumente zur Verfügung. Eine Bibliothek gibt Zugang zu Büchern und Wissen. Jemand gründet eine Theatergruppe.

Jeder dieser Orte fügt der Bildungslandschaft eine weitere Möglichkeit hinzu.

Außerschulische Bildung ist gesellschaftliche Beteiligung

Darin liegt für mich auch eine gesellschaftliche Dimension, die leicht übersehen wird.

Bildung ist nicht ausschließlich eine Dienstleistung des Staates oder eine Aufgabe professioneller Bildungseinrichtungen. Eine Gesellschaft bildet sich auch dadurch, dass ihre Mitglieder ihr Wissen miteinander teilen.

Wer ehrenamtlich trainiert, erklärt, begleitet, musiziert, forscht oder etwas zeigt, trägt damit etwas zum gemeinsamen Erfahrungsraum bei. Das muss nicht immer ausdrücklich „Bildungsarbeit“ heißen. Trotzdem entsteht Bildung.

Gerade solche Orte können zudem eine besondere Qualität besitzen: Menschen begegnen dort jemandem, der ein Thema nicht deshalb vermittelt, weil es gerade im Lehrplan vorgesehen ist, sondern weil es für ihn selbst Bedeutung hat.

Begeisterung lässt sich nicht verordnen. Aber sie lässt sich erleben.

Vielleicht ist gerade das einer der Gründe, warum außerschulische Bildungsorte so wertvoll sind. Sie zeigen, dass Lernen nicht nur eine Lebensphase ist, die zwischen Einschulung und Abschluss stattfindet. Erwachsene trainieren, forschen, sammeln, musizieren, lesen, bauen, diskutieren und lernen weiter. Kinder erleben damit etwas, das der Begriff „lebenslanges Lernen“ abstrakt fordert, ganz konkret: Menschen lernen, weil ihnen etwas wichtig ist.

Autonomie wird nicht gelehrt

Damit verändert sich auch meine Ausgangsfrage.

Vielleicht kann Pädagogik Autonomie gar nicht im klassischen Sinne vermitteln. Man kann Selbstbestimmung nicht wie eine mathematische Regel erklären und anschließend überprüfen, ob sie verstanden wurde.

Man kann jedoch Bedingungen schaffen, unter denen Menschen sie erfahren.

Dazu gehört Wissen. Dazu gehören Menschen, die etwas zeigen können. Dazu gehören Orientierung und Unterstützung. Aber ebenso gehören unterschiedliche Möglichkeiten dazu, das Recht, nicht jeden angebotenen Weg weiterzugehen, und die Erfahrung, dass eine eigene Frage tatsächlich einen Unterschied machen kann.

Autonomie entsteht dabei nicht dadurch, dass Erwachsene verschwinden. Sie entsteht auch nicht dadurch, dass jede Struktur abgeschafft wird. Sie wächst dort, wo Menschen zunehmend genügend Erfahrungen und Möglichkeiten besitzen, um aus ihnen einen eigenen Weg zu entwickeln und Verantwortung für ihn zu übernehmen.

Deshalb ist mir auch der oft gut gemeinte Satz „Du darfst selbst entscheiden“ nicht ganz geheuer. In ihm steckt noch immer jemand, der die Entscheidung besitzt und sie anschließend freigibt. Vielleicht sollte das langfristige Ziel von Bildung vielmehr darin bestehen, dass diese Freigabe irgendwann gar nicht mehr notwendig ist.

Eine Einladung, Bildung größer zu denken

Wir werden Schule weiterhin brauchen. Sie bleibt ein zentraler und gesellschaftlich besonders bedeutender Bildungsort.

Aber vielleicht können wir aufhören, sie mit Bildung selbst gleichzusetzen.

Neben ihr existiert eine beeindruckende Landschaft aus Menschen, Vereinen, Museen, Bibliotheken, Initiativen, Werkstätten, Naturbildungsangeboten, Musikgruppen, Jugendorganisationen und freien Projekten. Einige sind groß und professionell organisiert. Andere bestehen aus wenigen Menschen, die nach Feierabend etwas weitergeben, das ihnen am Herzen liegt.

Keiner dieser Orte muss Bildung vollständig abbilden.

Gerade darin liegt ihre Stärke.

Je mehr unterschiedliche Türen es gibt, desto wahrscheinlicher wird es, dass ein Mensch irgendwo eine findet, die ihn interessiert. Vielleicht geht er hindurch. Vielleicht nicht. Vielleicht entdeckt er dort eine weitere.

Wer eine Gesellschaft möchte, in der Menschen ein Leben lang lernen, muss deshalb vielleicht nicht nur fragen, was Menschen lernen sollen.

Ebenso wichtig ist die Frage, wo sie erleben können, dass Lernen ihnen selbst gehören darf.

Autonomie braucht Wahlmöglichkeiten. Wahlmöglichkeiten brauchen Vielfalt. Und Bildungsvielfalt entsteht überall dort, wo Menschen bereit sind, Wissen, Können und Begeisterung mit anderen zu teilen.

Autonomie wird nicht gelehrt. Sie wird ermöglicht – und vorgelebt.